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Projekt "Juden in Kurmainz - Frühe Neuzeit" (in Zusammenarbeit mit Germania Judaica IV)

Glückwunsch der jüdischen Gemeinde an den neuen Mainzer Erzbischof

Glückwunsch der jüdischen Gemeinde an den neuen Mainzer Erzbischof

Leitung: Prof. Dr. Michael Matheus/ Bearbeitung: Dr. Werner Marzi

Das von Germania Judaica IV herausgegebene Historisch-Topographische Handbuch zur Geschichte der Juden im Alten Reich (1520-1650) nimmt sich auch der geistlichen Territorien an. Dazu gehört auch das von der Thyssenstiftung geförderte Projekt JUDEN IN KURMAINZ - FRÜHE NEUZEIT. Die Affiliierung mit Germania Judaica IV, dem von der DFG geförderten Langzeitprojekt, erfolgt in der Weise, dass auf die Datenbank von Germania Judaica IV zurückgegriffen und deren vernetzte Infrastruktur genutzt werden kann.

Das Projekt verfolgt zwei Ziele

    • Erstellung des Gebietsartikels Kurmainz für Germania Judaica IV.
    • Erforschung und Darstellung der Judenpolitik der Mainzer Erzbischöfe von Berthold von Hennberg bis Johann Philipp von Schönborn (1461-1673)

Die Erstellung des Gebietsartikels wird vorerst zurückgestellt. Da nur marginale Forschungen zur Geschichte der Juden in Kurmainz vorlagen, mussten zunächst intensive Archivrecherchen durchgeführt werden. Die Ergebnisse dieser Primärforschungen werden in eigenständigen Veröffentlichungen vorgelegt. Damit wird eine solide Grundlage für die Erstellung des Handbuchartikels geschaffen.

Drei Veröffentlichungen JUDEN IN KURMAINZFRÜHE NEUZEIT sind vorgesehen. Sie behandeln:

1. Siedlungsgeschichte, Politik, Verfassung und Recht

2. Wirtschaftliche, berufliche und soziale Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung (Handel, Wandel, Geldleihgeschäfte, Handwerk, Gewerbe, Hofjuden, Betteljudentum, Kriminalität, Wohnverhältnisse, Diskriminierung, Nachbarschaft: Konkurrenz, Konflikte, Einvernehmen…)

3. Die innere Verfasstheit der kurmainzischen Judenheit (Religion, Kultur, Erziehung, Bildung, Rabbinat, Gemeindeorganisation, Gemeindeleben, Persönlichkeiten, Gelehrte, Konvertiten, Verhältnis zu den Gojim…).

Der erste Teil wird unter dem Titel DIE JUDENPOLITIK DER MAINZER ERZBISCHÖFE UND KURFÜRSTEN VON ADOLF II. VON NASSAU bis Lothar FRANZ VON SCHÖNBORN (1461-1729) erscheinen.

 

Die chronologische Neubestimmung und die Fortführung der Judenpolitik der Mainzer Erzbischöfe und Kurfürsten bis 1729 sind strukturellen, personalen, ereignisgeschichtlichen, quellenrelevanten und arbeitökonomischen Überlegungen geschuldet. Die Begründung erfolgt in der Einleitung der geplanten Veröffentlichung.

Die nun vorzustellende Gliederung umfasst bis auf die Punkte A, C. XX und XXI, die bereits ausgeführten Teile. Noch zu bearbeiten und in der Gliederung deutlich zu machen (= C XV-XIX) ist die Judenpolitik der Erzbischöfe und Kurfürsten Lothar Friederich von Metternich-Burscheid (1673-1675), Damian Hartard von der Leyen (1675-1678), Carl Heinrich von Metternich-Winneburg (1679), Anselm Franz von Ingelheim (1679-1695), Lothar Franz von Schönborn (1695-1729). Zu diesen Erzbischöfen sind die Vorarbeiten (Materialerfassung und -bereitstellung) weitgehend abgeschlossen.

Im Titel wird ausdrücklich die Zwillingsformel "Erzbischöfe und Kurfürsten" verwendet, um von vorneherein deutlich zu machen, dass zwischen den Spiritualia des Erzbischof und den Temporalia des Kurfürsten zu unterscheiden ist. Dies hatte auch Auswirkungen auf die "Judenpolitik". Die aufgenommenen Juden waren nicht nur als Schutzjuden dem Landesherrn unterstellt, sondern unterstanden auch in bestimmten Bereichen der geistlichen Gewalt. Dies drückt sich in der Abgabe des Synagogicums aus. Sie mussten für die Errichtung von Synagogen und von Judenfriedhöfen die erzbischöfliche Genehmigung einholen. Immer wieder traf das Geistliche Gericht auch Entscheidungen in innerjüdischen Angelegenheiten (z. B. im Eherecht).

Das Synagogicum und der Anspruch der Geistlichen Gewalt werden in einem eigenen, noch der Gliederung einzufügenden Kapitel dargestellt. Dies gilt auch für die noch zu behandelnde Judenpolitik des Domkapitels.

 

ANMMERKUNG

Stadt und Erzstift Mainz stellten im Mittelalter eine bevorzugte jüdische Siedlungslandschaft dar. Weitgehend unbekannt sind indessen die frühneuzeitlichen Veränderungen der Siedlungsformen und ihrer Auswirkungen auf das Leben der jüdischen Bevölkerung und auf die Formierung der Judenschaft. Diese Forschungslücke soll mit dem Projekt Juden in Kurmainz – Frühe Neuzeit geschlossen werden. Arbeitsschwerpunkte bilden das Unterstift unter Einschluss von Oberlahnstein und die zum Domkapitel gehörenden mittelbaren Orte, das Oberstift und hessischen Exklaven. Ausgeklammert bleiben der Erfurter „Staat“ und das Eichsfeld.

Die Judenpolitik der Mainzer Erzbischöfe und Kurfürsten wird auf der Grundlage aller erreichbaren Quellen untersucht und dargestellt. Dabei wird überprüft, ob und auf welche Weise sich die exponierte Stellung der Mainzer Erzbischöfe in Kirche und Reich – auch in ihrer Funktion als Reicherzkanzler - auf ihre Judenpolitik auswirkte und inwieweit sie von den konkurrierenden Herrschaftsansprüchen innerhalb und außerhalb des Erzstiftes mitbestimmt wurde. Im Hinblick auf die meist protestantischen Nachbarn von Kurmainz bleibt zu klären, ob Judenpolitik, Judentoleranz und Judendiskurs konfessionell bedingte Unterschiede aufweisen.

Die Archivrecherchen wurden in einer Datenbank erfasst. Am Beispiel des Judenprojektes zeigt sich erneut, wie schwierig und zeitaufwändig Forschungen zur Kurmainzer Geschichte sich gestalten. So sind relativ wenige Dissertationen zu erzstiftischen Themen erschienen. Das liegt zum einen an der geographisch zersplitterten Archivlage, zum anderen auch daran, dass zahlreiche, in den Findbüchern der Archive registrierte Archivalien auf Grund von Kriegseinwirkungen nicht mehr vorhanden sind. Dies bedeutet aber, dass zeitaufwendig die archivalische Gegenüberlieferung ermittelt und die ältere Literatur auf ihre Tragfähigkeit als Sekundärquelle überprüft werden muss.

Die schwierige Kurmainzer Archivlage hat historische Gründe. Es besteht im Gegensatz zu anderen Territorien kein unmittelbarer Nachfolgestaat. Mit dem von Rudolf Schatz und Aloys Schwersmann zusammen gestellten und von der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz herausgegebenen "Inventar des Aktenarchivs der Erzbischöfe und Kurfürsten von Mainz aufgrund der heutigen Eigentümer-Archive" (Koblenz 1990ff.) ist gleichsam ein "virtuelles" (allerdings nicht digitalisiertes)  Repertorium entstanden, das ein zuverlässiger Wegbegleiter im Dschungel der Kurmainzer Geschichte ist. Eine digitale Auflistung dieser Findbehelfe, verbunden mit Sachregistern vor allem, würde der Kurmainzer Geschichte neue Forschungsmöglichkeiten eröffnen.

Ein erster Schritt zur digitalen Erfassung Kurmainzer Archivalien ist mit der Anlegung einer Regestendatenbank Mainzer Ingrossaturbücher des Instituts für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz gemacht worden.