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Die Sümpfe der Päpste. Umweltwahrnehmung und Nutzungskonflikte in der pontinischen Ebene in der Frühen Neuzeit

Bearbeitung: Dr. Ricarda Matheus

Das Forschungsobjekt

Louis Ducros, Pio VI alle Paludi Pontine, Ölgemälde 1786 (Museo di Roma, Palazzo Braschi)

Im Südosten Roms erstreckt sich entlang der Küste des Tyrrhenischen Meeres auf einer Fläche von rund 775 km² die pontinische Ebene. Im Süden reicht sie bis zum Golf von Terracina und wird im Nordosten bzw. im Osten von den Gebirgszügen der Monti Lepini und der Monti Ausoni begrenzt. Bis zur Zeit des Faschismus war diese Region zu weiten Teilen eine Sumpflandschaft (paludi pontine). Im Rahmen einer umfassenden Bonifizierung in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde das Gebiet trockengelegt und vor allem mit Veteranen des Ersten Weltkrieges sowie Bauernfamilien aus Venetien und der Emilia-Romagna besiedelt. Innerhalb weniger Jahre wurden fünf Städte auf dem Reißbrett geplant und neu errichtet: Littoria (heute Latina), Sabaudia, Pontinia, Aprilia und Pomezia. Sie sind Teil des Transformationsprozesses einer Kulturlandschaft von außergewöhnlicher Dimension. Heute ist die pontinische Ebene eine der wichtigsten Agrarregionen Italiens und beherbergt mit dem Parco Nazionale di Circeo einen der ältesten Nationalparks auf der Peninsula.

Die Bonifizierung der Sümpfe hat eine lange Vorgeschichte. Das Gebiet, welches unter den Volskern eine blühende Kulturlandschaft gewesen sein soll, versumpfte partiell schon während der Zeit der römischen Republik. Bonifizierungsprojekte unterschiedlichster Art und Qualität sind überliefert von Cäsar, Augustus, Trajan bis hin zum Gotenkönig Theoderich. Während der Renaissance und der Frühen Neuzeit engagierten sich mehrere Päpste im südlichen Kirchenstaat und bemühten sich um eine Eingrenzung der Überschwemmungen bzw. um eine partielle oder vollständige Austrocknung der Sümpfe. Nach der Gründung des italienischen Nationalstaates gab es mehrere private und staatliche Initiativen zur Bonifizierung der Region. Nur die wenigsten dieser Projekte führten jedoch zu nachhaltigen Ergebnissen, zumeist konnten allenfalls Teilerfolge von begrenzter Dauer erreicht werden.

Das Projekt

Giacomo Filippo Ameti, Carta della Provincia di Maritima (parte seconda), Stich 1693

Das von der DFG für zunächst 24 Monate bewilligte Forschungsprojekt widmet sich am Beispiel der Pontinischen Sümpfe im südlichen Kirchenstaat dem komplexen Verhältnis von Menschen zu ihrer sich wandelnden Umwelt im Spiegel von Bonifizierungsprojekten und Versumpfungsprozessen. Ausgehend von einer Konzeption der Umweltgeschichte, die der Rezeption von Natur einen zentralen Stellenwert einräumt, sollen Umweltwahrnehmungen und -deutungen in der Frühen Neuzeit (ca. 1580–1800) anhand verschiedener Themenfelder differenziert analysiert und kontextualisiert werden.

Untersucht werden zunächst individuelle und kollektive Konstruktionen von Umwelt- und Landschaftsvorstellungen sowohl im Zusammenhang mit naturräumlichen Gegebenheiten als auch mit wasserbaulichen Transformationsprozessen, machtpolitischen Interessen, Formen des menschlichen Zusammenlebens, Seuchen und Krankheiten (Malaria) sowie wirtschaftlichen Nutzungsmöglichkeiten (Fischerei, Holz- und Forstwirtschaft, Ackerbau, Nutztierhaltung, Jagd). In die Analyse integriert werden sollen ebenfalls ideengeschichtliche Konzepte der Umweltwahrnehmung und ihr Einfluss auf die Vorstellungen von Naturbeherrschung in den pontinischen Sümpfen. Ein Vergleich mit anderen europäischen Landschaften und dort durchgeführten Bonifizierungsprojekten soll ferner Aufschlüsse über die Spezifika und zeitliche Variabilität der Umweltrezeptionen liefern.

In einem zweiten Teil der Studie soll der Wahrnehmung der pontinischen Sümpfe von außen nachgegangen werden. Seit dem 17. Jahrhundert entwickelten sich in Italien und Europa bestimmte Bilder und Vorstellungen von den paludi pontine, die über Reiseberichte und Reisehandbücher, Traktate, Vorlesungen oder kartographische Werke, aber auch durch Dichtung und Prosa verbreitet wurden. Nicht selten evozierten derartige Beschreibungen wiederum Erwartungshaltungen späterer Beobachter und wurden somit zu einem festen Bestandteil des Diskurses über die pontinischen Sümpfe. Die Analyse und Interpretation dieser Topoi und deren Abgrenzung von individuellen Rezeptionssplittern sollen Aufschluss darüber geben, wie die Natur zu unterschiedlichen Zeiten beurteilt wurde und welche Bedeutungs- und Funktionszuschreibungen vom „idealen“ Zustand einer Sumpflandschaft sich entwickelten.